Rück-/ Ausblick auf WALRETTUNGSOPERATIONEN
Die Rettungsoperation Timmy/Hope erforderte die kurzfristige Planung und Koordination einer außergewöhnlichen technischen und logistischen Maßnahme. Ziel war es, einen lebenden Großwal unter schwierigen räumlichen und maritimen Bedingungen zu bergen, über eine mehrtägige Strecke auf See zu transportieren und in geeigneten Gewässern freizusetzen.

DER BUCKELWAL
Timmy/Hope war ein weiblicher Buckelwal, der schon im Februar 2025 vor Międzyzdroje an der polnischen Ostseeküste aus einem Fischereinetz befreit wurde. An dem Einsatz waren der freiwillige Wasserrettungsdienst WOPR, der polnische SAR-Dienst, die Feuerwehr und WWF Polen beteiligt. Am 3. März 2026 wurde der Buckelwal im Hafen von Wismar gesichtet, wiederum mit Fischereigerät am Körper. In den folgenden Wochen bewegte sich das Tier zwischen den Küstengewässern Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins und geriet wiederholt in flache Gewässer und Strandungssituationen. Am 23. März 2026 setzte es vor Timmendorfer Strand (Niendorf) auf einer Sandbank fest; Ende März folgten weitere Festsetzungen in der Wismarbucht und schließlich vor der Insel Poel.
DIE RETTUNGSOPERATION
Eine private Initiative entwickelte und organisierte die Rettungsmaßnahmen für den hilfebedürftigen Buckelwal, wobei das zuständige Landesministerium ein erstes Rettungskonzept am 15. April 2026 öffentlich akzeptierte. Nachdem dieses Konzept nicht zur Umsetzung kam, wurde die Planung fortentwickelt und am 22. April 2026 ein zweites Rettungskonzept gebilligt, das die Bergung und anschließende Verbringung des Wals in einem Transportkahn vorsah. Die Vorbereitung und Durchführung der Maßnahmen erfolgte in Kenntnis und Duldung des Landesministeriums.
Die Rettungsinitiative vereinte Veterinärinnen aus dem In- und Ausland (Dr. Jenna Wallace, Janine Bahr-van Gemmert, Anne Herrschaft, Dr. Kirsten Tönnies) amerikanische Walexperten, Juristen (schwerpunktmäßig Constanze von der Meden), Tierschützer (speziell Tierrettung Greifswald) sowie freiwillige private und gewerbliche Helfer.
Mobilisierung, Demonstrationen und das außergewöhnliche öffentliche Interesse verstärkten den Druck auf Politik und Behörden, den Rettungsversuch zuzulassen. Im Hintergrund erfolgte der Hinweis auf mögliche strafrechtliche Folgen weiteren Untätigbleibens.
Für die operative Umsetzung wurden schließlich die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft sowie spezialisierte Dienstleister aus Schifffahrt, Bergung und Taucharbeiten, Drohnen- und Videooperatoren und zahlreiche Einzelpersonen in unterschiedlicher Funktion auf entgeltlicher Grundlage hinzugezogen.
Die organisatorische und finanzielle Trägerschaft lag auf privater Seite.




DER TRANSPORT RICHTUNG NORDSEE
Für die Rettungsoperation wurde kurzfristig ein Verbund aus schwerer maritimer Spezialtechnik zusammengestellt. Zentrale Einheit war der eigens für den Einsatz vorbereitete Schubleichter/Transportkahn (auch Barge genannt) „Jürgen“ der BVT Chartering und Logistics GmbH und SET Schiffbau- u. Entwicklungsgesellschaft Tangermünde mbH, der als Transportbarge für den lebenden Buckelwal diente. Ergänzt wurde der Schleppverband durch die Schiffe „Robin Hood“ (JEB Bereederungs GmbH & Co. KG) sowie „Fortuna B“ und „Arne Tiselius“ der O.S. Energy GmbH – Marine Power Solutions. Hinzu kamen mehrere Pontons, Arbeitsboote und Jet-Skis sowie Baggertechnik mit Spülpumpe, Hochdruckspültechnik und Tauchausrüstung.
Für Bergung und Sicherung wurden speziell beschaffte Hebegurte mit Tragfähigkeiten von mindestens zehn Tonnen bereitgestellt. Zur Stabilisierung des Tieres kamen 43 mit insgesamt rund 36 Tonnen Kies befüllte Big Bags zum Einsatz, davon 35 im Wasser vor der Insel Poel und acht auf der Barge. Ergänzt wurde die Ausstattung durch Stromaggregate, Schläuche, Rettungsinsel und weitere maritime Sicherheitsausrüstung sowie für die Schleppreise vorgesehene Beregnungstechnik.
Das Einschwimmen des Wals in den Transportkahn am 28. April 2026 verfolgten allein auf dem Kanal der Nachrichtenagentur NEWS5 rund 100.000 Menschen live. Die weltweite Zuschauerzahl ist nicht bekannt, dürfte jedoch erheblich höher gewesen sein.

PROTECT
Aus den gewonnenen Erfahrungen ist GWRO in der Lage, ein eigenes Rettungsprotokoll für vergleichbare Großwalereignisse zu entwickeln. Dieses soll künftig eine schnellere Lagebewertung, eindeutig definierte Verantwortlichkeiten, standardisierte technische Abläufe sowie die koordinierte Einbindung spezialisierter Fachkräfte ermöglichen. Eine projektleitende Regie ist unverzichtbar. Sie muss die operativen, technischen und organisatorischen Abläufe zusammenführen und steuern.
Effektive Großwalrettung ist jedoch nur dann möglich, wenn staatliche Zuständigkeiten und spezialisierte operative Kompetenz verbindlich zusammenwirken. Für Großwalereignisse kommt einer engen Zusammenarbeit mit den Küstenländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern daher zentrale Bedeutung zu.
Der Schutz streng geschützter Großwale erschöpft sich nicht in rechtlichen Ge- oder Verboten, sondern verlangt im konkreten Ereignisfall handlungsfähige Strukturen. Großwalereignisse sind selten, technisch anspruchsvoll und regelmäßig zeitkritisch. Sind Zuständigkeiten, Fachwissen und Gerätetechnik organisiert und vorbereitet, ist die Chance hoch, ein hilfebedürftiges Tier unter vertretbaren Bedingungen zu bergen und geeigneten Gewässern zuzuführen.



